
Die Kinder sind aus dem Haus, zwei Kinderzimmer an mindestens 330 Tagen im Jahr leer, meine Verantwortung als Stadtplanerin und Architektin, eine Vision und ein vorhandenes Grundstück. All diese Fakten führten letztendlich zum „Mut zur Veränderung“.
Ich wollte endlich umsetzen, was mich in den vielen Jahren meiner Tätigkeit immer wieder beschäftigt und angetrieben hat. Vor dem Hintergrund der Wohnungsknappheit und des anhaltend hohen Flächenverbrauchs war ich gewillt, meine Vision umzusetzen.
Der Wunsch, ein kleines, eingeschossiges, ökologisches Haus zu bauen, begleitete mich bereits seit vielen Jahren.
Meine anfängliche Idee, ein Tiny House zu planen, habe ich relativ schnell wieder verworfen. Den Lebensabend zu zweit auf so engem Raum zu verbringen, konnte ich mir letztlich nicht vorstellen. Final entschieden wir uns für den Entwurf eines unterkellerten eingeschossigen Gebäudes. Das Erdgeschoss mit 79m² vermittelt durch den offenen Wohn-, Ess- und Kochbereich eine angenehme Großzügigkeit. Ein daran angrenzendes zusätzliches Zimmer mit knapp 11m² dient als Arbeits-, Musik-, Lese- oder auch Enkel-Kinderzimmer, wenn die Familie zu Besuch kommt. Die Größe von Schlafzimmer und Bad wurde bewusst zugunsten der Wohnräume reduziert. Die Überhöhung im zentralen Bereich sorgt für zusätzliche Belichtung und Belüftung des Kochbereiches. Im Kellergeschoss befindet sich ein Arbeitszimmer, eine großzügige Hobbywerkstatt sowie Räume für Vorrat und Haustechnik. Die Ausrichtung der Wohnräume erfolgte nach Süden. Hier schafft die großzügige verglaste und statisch tragende Holz-Pfosten-Riegelfassade eine räumliche Verbindung zum Garten. Als konstruktiver Sonnenschutz fungiert die Überdachung.
Durch die kleine Grundstücksgröße, den Zuschnitt und den Willen, sich in die umgebende Bebauung einzufügen, waren Standort und Gebäudeabmessungen schnell gewählt.
Aufgrund der Hanglage mit einem Höhenunterschied von etwa 2,50 m über die Gebäudediagonale entschied ich mich, ein massives Kellergeschoss mit einem Erdgeschoss aus Holz zu planen.
Inspiriert von Erwin Thoma sollte es ein Vollholzhaus werden, mit Holzbauteilelementen ganz ohne Metall und ohne Leim. (https://www.thoma.at). Die Nachfrage nach seinen Produkten ist in Österreich und Süddeutschland sehr hoch. Demzufolge gibt es in diesen Regionen eine Reihe von Zimmereibetrieben, die sich auf diese Fertigungsweise spezialisiert haben. Motiviert suchte ich nach Partnerbetrieben in Thüringen, wurde jedoch enttäuscht. Als ich schließlich nach mehreren Angebotsanfragen selbst im süddeutschen Raum, auch kaum Angebote erhielt, musste ich mich schweren Herzens von dieser Idee verabschieden und suchte nach Alternativen.
Recht schnell erinnerte ich mich an den genialen Baustoff Lehm und plante unser Haus um. Das Kellergeschoss sollte weiterhin massiv errichtet werden, das Erdgeschoss jedoch in einer Mischbauweise mit tragender Holzfachwerkkonstruktion und Gefachen aus Lehm, den wir selbst stampfen wollten.
Die Vorbereitungen für den Baubeginn begannen im März 2022. Unser bereits vorhandener kleiner Gartengeräteschuppen, den wir vor 30 Jahren errichtet hatten, wurde umgesetzt. Er sollte uns als Unterschlupf und Abstellmöglichkeit dienen. Gut verzurrt, hob ein Kran diesen auf die vorbereiteten Fundamente, im Anschluss folgte ein Regal mit Brennholz.
Im Mai 2022 ging es endlich los. Die Bagger rollten an und hoben die Grasnarbe ab - bis ich einen Anruf erhielt: Es wurde mir mitgeteilt, dass aufgrund archäologischer Funde ein Baustopp erteilt wird. Ich war hin- und hergerissen zwischen Ärger und Neugier, was sich wohl in unserem kleinen Grundstück verbirgt. Gefunden hatten die Archäologen Abfallgruben mit Scherben, die nach ersten Analysen ca. 7.000 Jahre alt sein sollten.
Sofort war auch die Neugier der Möbisburger Bürger geweckt. Unterschiedlichste Fragen und Interessenbekundungen ließen uns mit den „Alteingesessenen“ ins Gespräch kommen und Kontakte knüpfen.
Nach einer Woche Unterbrechung konnte sich der Bagger wieder drehen.
Im Herbst 2022 stand ich in engem Kontakt mit der Firma Holzbau Ehrlich aus Döllstedt (https://www.holzbau-ehrlich.de), die wir mit der Errichtung des Holzfachwerkes beauftragt hatten. Kurz vor Weihnachten war es endlich soweit. Die Firma stellte an drei Tagen die gesamte Konstruktion bei Temperaturen um minus 12Grad Celsius, mit großer Präzession. Wenn wir unsere hilfsbereite Nachbarin nicht gehabt hätten, wären die emsigen Zimmermannsleute wahrscheinlich zu Eis gefroren. Sie stellte uns einen großen beheizten Aufenthaltsraum zur Verfügung. Noch einen Tag vor Weihnachten werkelten wir auf der Baustelle und Freude kam auf, als wir das fertige Holzfachwerk am 23.Dezember voller Glück bestaunten.
Wir warteten ungeduldig auf frostfreie Tage, um die ersten Versuche im Lehmstampfen zu starten. An den freien Ostertagen im April war es dann endlich soweit. Wir waren gespannt, ob sich die Theorie in der Praxis bewähren würde.
Im Vorfeld wurden verschiedene Stampfwerkzeuge aus Holz gefertigt und erprobt. Nach der Fertigstellung des ersten Versuchsfeldes waren wir spürbar erleichtert und motiviert. Anfangs stampften wir dünne Lagen von ca. 5 cm, später wurde die Schichtdicke erhöht, um schneller voranzukommen.
Den Lehm bezogen wir aus der Lehmgrube Kleinfahner (https://www.das-lehmwerk.de).
Er wurde in Big Packs auf die Baustelle geliefert.
Für die Außenwände verwendeten wir Lehm, der mit Stroh und recycelten Bläh- Glaskügelchen aus Ilmenau angereichert war, für die Innenwände ein schwereres Lehm- Kies- Strohgemisch.
Tipps und Hinweise zum Einbau erhielten wir vom Lehmwerk selbst. Wir schraubten beidseitig des Fachwerks Schalbretter auf, füllten den Lehm lagenweise ein und verdichteten ihn mit selbstgefertigten Holzwerkzeugen. Direkt im Anschluss versetzten wir die Schalung nach oben.
Diese Handarbeit war zeitintensiv und hatte etwas Meditatives.
Zu unserem Glück stieß das Lehmstampfen unter unseren Freunden und Verwandten auf großes Interesse. Sie halfen uns sehr oft. Die gemeinsame Zeit verbrachten wir nun auf der Baustelle. Dank der vielen Helfer war im Juni das letzte Gefach ausgefüllt.
Im August 2023 wurde ein weiterer Meilenstein gesetzt:
Die Holz- Pfosten- Riegel- Fassade auf der Südseite wurde durch die Firma Himmelreich aus Königsee (https://www.fensterbau-himmelreich.de) gestellt.
Ebenfalls im August wurde der Grundofen der Firma Innovativ (www.ofen-innovativ.de) durch die Firma Schatz aus Ruhla (https://www.schatz-ofenbau.de) gesetzt.
Die Decken aus Brettschichtholz wurden aus optischen und raumklimatischen Gründen mit Lehm verputzt, nachdem flächendeckend Schilfrohrmatten aufgetackert worden waren.
Der Lehmputz auf Wände und Decken wurde 2-lagig aufgebracht, nachdem die Wandheizung von uns selbst verlegt und genau dokumentiert worden war.
Um der ökologischen Bauweise treu zu bleiben und weiteren Feuchteeintrag zu vermeiden entschieden wir uns für das Fußbodenheizungssystem von der Firma Lithotherm. (https://www.lithotherm-system.de)
Der Einbau gestaltete sich wider Erwarten als langwierig und schwierig, da die Maßgenauigkeit der Steine nicht den Erfordernissen einer Verlegung mit Holzdielen entsprach.
Nach Fertigstellung des Fußbodens konnte im Sommer 2024 mit der Montage der von mir geplanten Einbauschränke begonnen werden. Teilweise waren drei Tischlerfirmen im Einsatz, um den geplanten Einzugstermin im Herbst halten zu können.
Auch bei der Materialwahl für die Schränke versuchten wir auf den Einsatz leimgetränkter Holzwerkstoffe weitestgehend zu verzichten. Da ich keine Vollholzoptik wünschte, schlug mir unser treuer, erfahrener und kreativer Tischler Michael Mund die Verwendung einer mit Linoleum beschichteten Tischlerplatte vor. Anfangs war ich skeptisch, doch je länger ich darüber nachdachte, desto mehr freundete ich mich mit der Idee an. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass es eine sehr gute Entscheidung war. Die Linoleumoberfläche (www.forbo.com) ist robust, pflegeleicht und wirkt mit ihrer matten Optik sehr edel. Als Kontrast zu den weißen Wänden und den Eschedielen wählte ich eine anthrazitfarbene Oberfläche. Die Küche steht als Kubus und Herzstück im offenen Wohn- und Essbereich und sollte besonderes Augenmerk erhalten. Die Anfertigung stellte den erfahrenen Tischler vor besondere Herausforderungen, da die Decke im Gefälle verlegt wurde und die Schränke millimetergenau eingepasst werden sollten.
Gelöst hat das Michael Mund mit großer Präzision mit Hilfe diverser Schablonen und mehreren Aufmaßen vor Ort. Wir erfreuen uns täglich daran.
Für die Einbauschränke gegenüber der Küche wurden ebenfalls Tischlerplatten verwendet, die mit weißem Linoleum (www.stainer-sunwood.com) beschichtet wurden. Im Bad erfolgte die Herstellung der Möbel analog. Hier wurde zusätzlich ein Spritzschutz über der Badewanne aus hellgrünem Möbellinoleum angebracht.
Aus dem Rest der Dreischichtplatten, die wir für die Innenverkleidung der Fassade verwendet hatten, ließen wir einen Schrank für das Arbeitszimmer anfertigen. Lucas Hanl - ein junger motivierter Tischler aus Walschleben - fertigte den Bücherschrank mit integriertem Arbeitsplatz präzise nach meinen Plänen und beschichtete die von der Fassadenverkleidung übrig gebliebenen Plattenstreifen analog zu den anderen Möbeln mit weißem Linoleum.
Obwohl wir uns von vielen Dingen getrennt hatten, fragte ich mich oft, ob die Schränke ausreichen werden. Heute kann ich sagen, dass diese Bedenken umsonst waren. Alles hat seinen Platz gefunden, nichts habe ich bis dato vermisst.
Der Zuschnitt und die Montage der erwähnten Dreischichtplatten, die wir als Kontrast zur dunklen Fassade hellbraun lasiert hatten, erfolgten ebenso in Eigenleistung.
Parallel zum Baustellenbetrieb und Fertigstellungsdruck stellten wir unser „altes“ Haus auf den Kopf. Viele Dinge konnten über ebay verschenkt oder verkauft werden, den Rest brachten wir zum Stöberhaus (www.stoeberhaus.de) oder Wertstoffhof. An manchen Tagen machte es sogar Spaß, sich nur auf das Wesentliche zu konzentrieren, an anderen Tagen fiel es mir schwer, mich von Dingen zu trennen.
Wir waren erstaunt, was sich in 24 Jahren angesammelt hatte, und irgendwie tat es gut, Ballast abzuwerfen. Die Reise mit leichtem Gepäck sollte nun beginnen.
Die Vorstellung, in ein kleineres Domizil zu ziehen, um Platz für eine junge Familie zu schaffen, motivierte uns.
Der Termin zum Umzug rückte immer näher. Die Kisten und Kartons füllten sich.
Am 30.11.2024 war es soweit. Das Wetter war uns hold, die Sonne lachte und wünschte uns gutes Gelingen. Viele fleißige Helfer aus unserem Freundeskreis packten mit an und schonten sich dabei nicht. Der Satz einer Freundin trug zur besonderen Belustigung bei: „In unserem Alter ist es wie eine Auszeichnung, wenn man gefragt wird, ob man beim Umzug helfen kann.“ Die Stimmung war gut, es wurde nicht nur viel getragen, sondern auch viel gelacht.
So saßen wir am frühen Nachmittag im neuen Haus, die Sonnenstrahlen durchströmten den gesamten Innenraum, und wir stießen auf den erfolgreichen Umzug an. Für uns war es wieder einmal ein Moment großer Dankbarkeit, von so fleißigen Freunden umgeben zu sein!
Am nächsten Morgen wurden wir wieder von blauem Himmel und Sonnenstrahlen empfangen. Beim Frühstück fühlten wir uns wie in einem Ferienhaus, beim Blick in den noch ungestalteten Garten trotzdem wie im Urlaub.
Die Umgestaltung der Außenanlagen folgte direkt im Mai 2025. Ich konnte es kaum erwarten, die geplanten Beetflächen zu bepflanzen und die blühende Vielfalt zu genießen. Schließlich lebt der Entwurf vom engen Bezug zum Gartenbereich.
Aus Gründen des Bauablaufs und der Zugänglichkeit wurde mit der Gestaltung der Westseite begonnen. Hier wurde ein 1,50 m breiter wasserdurchlässiger Kiesweg und der verbleibende Streifen zum Nachbarn als Beetfläche angelegt. Da ich ein ungeduldiger Mensch bin, ließ ich mich nicht davon abbringen, Mitte Juni bei hohen Temperaturen die Stauden sowie die Hainbuchen zu pflanzen. Mit viel Wasser und Pflege sowie der Unterstützung unserer hilfsbereiten Nachbarn habe ich sie gut über den Sommer gebracht.
Mit den Winkelstützelementen hatten wir nun auch eine ebene Fläche geschaffen, die uns einen ebenerdigen Austritt vom Wohnbereich in den Garten ermöglicht. Wir erfreuten uns an der neuen Aufenthaltsqualität. Motiviert planten wir die Umsetzung des nächsten Bauabschnittes.
Für dessen Vorbereitung setzten wir zum zweiten Mal den Schuppen um. Er soll uns weiterhin als Abstellraum für Gartengeräte oder zur Überwinterung von Pflanzen dienen.
Im Oktober standen zum wiederholten Mal Bagger und Radlader im Garten - nur diesmal im kleineren „Format“. Um das nach Süden ansteigende Gelände etwas abzufangen, hatte ich ein „Plateau“ geplant, welches mit kleinen Winkelstützelementen angelegt und im Nachgang von uns mit den von der Fassadenverkleidung übrig gebliebenen Holzleisten verkleidet wurde.
Hochmotiviert bereitete ich mit einer Fuhre Mist und speziellem Staudensubstrat die Beete auf der Südseite für die Bepflanzung im kommenden Frühjahr vor.
Im November folgte die Gestaltung der Grünfläche auf der Straßenseite vor dem Haus sowie der Bau der Grundstückszufahrt, deren Gestaltung detailliert von der Stadt Erfurt (Verkehrs- und Tiefbauamt) vorgegeben wurde.
Seit unserem Einzug vor 1,5 Jahren haben wir uns natürlich weiter auf die Fertigstellung unseres neuen Hauses und der Außenanlagen konzentriert. Ich bin glücklich, dass ich vor kurzem die Beete mit weiteren Stauden bepflanzen konnte, nachdem das Gartengelände intensiv bewegt und vorbereitet wurde. Nun sind wir sehr gespannt, wie sich die Vegetation entwickelt. Wir hoffen, bald auf einen bunt blühenden, vielfältigen und von Insekten durchfluteten Garten schauen zu können. Die Terrasse haben wir zwischenzeitlich aus Restbeständen der Fassadenleisten ebenfalls fertiggestellt. Die Aufenthaltsqualität steigt und die Momente der Ruhe nehmen zu.
Einen Endspurt gibt es noch bis Ende Juni 2026 - dann findet der alljährliche „Tag der Architektouren“ statt. Unser Haus wird für interessierte Besucher geöffnet sein.
Danach wollen wir den Gang etwas zurücknehmen und den Sommer genießen. Urlaubspläne schmieden wir nun auch wieder.
Rückblickend war dieses Projekt für uns eine ebenso spannende wie herausfordernde Aufgabe. Sich intensiv mit ökologischen Bauweisen auseinanderzusetzen, neue Wege zu gehen und vieles selbst umzusetzen, hat unseren Blick auf das Bauen nachhaltig verändert.
Neben unseren beruflichen Aufgaben hat uns dieses Vorhaben Kraft und Energie abverlangt – und es gab durchaus Phasen, in denen die Motivation auf die Probe gestellt wurde.
Und dennoch: Es hat sich gelohnt.
Heute blicken wir mit Stolz auf das zurück, was wir geschaffen haben. Ohne die tatkräftige Unterstützung von Freunden, Familie und Nachbarschaft wäre dies nicht möglich gewesen – dafür sind wir von Herzen dankbar.
Mit dieser Geschichte möchte ich Sie ermutigen, liebgewonnene Gewohnheiten zu hinterfragen und den Mut zu finden, neue Wege zu gehen, eigene Ideen umzusetzen – nicht nur im Alltag, sondern auch beim Bauen und Wohnen.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Mit weniger Gepäck lebt es sich leichter.
Und vielleicht werden es uns unsere Kinder eines Tages danken. 😉